Ein Jahr

Wahnsinn. Es ist nun ein Jahr her. Wie aufregend. Genau vor einem Jahr, an diesem Morgen, lag ich im Operationssaal. Völlig nackt, mit einer wärmenden Decke zugedeckt. Festgeschnallt und Willenlos. Und dann ging es los. Ich war völlig Planlos, war mir trotzdem dessen bewusst, was ich mache. Total aufgeklärt und bereit, aber völlig ungewiss, wie sich alles entwickeln wird. Jetzt ist ein Jahr vergangen und es ist alles anders gekommen. Nun gut, ich hatte ja kein Plan, das ich zu dem im Stande bin. Ich habe nun 100 kg abgenommen. Mensch, das ist die hälfte. Ich kann es heute kaum begreifen. Wie denn auch, wer meine Geschichte kennt?

Euch erwartet im folgenden, wie es mir jetzt, ein Jahr nach der Magenoperation geht, wie ich im Nachhinein darüber denke, wie ich nun doch so viel abgenommen habe und wie ich damit umgehe. Für viele sicher ein fremdes Thema. Vielleicht ist es für dich doch irgendwie interessant. So etwas hört man ja nicht alle Tage.

Ich habe eine lange Durststrecke hinter mir. Es wurde einem vorher vieles Prophezeit. Was man da alles hört. Die Selbstmordrate steigt nach solchen Operationen. Man verlagert seine Sucht. Auch im Nachhinein habe ich noch so einiges gesehen und gehört. Magenoperationen werden teilweise dargestellt, da sträuben sich mir die Haare. Als wenn das von der Lobby extra gemacht würde, damit kosten nicht überstrapaziert werden. Ich denke aber, nicht alles, darf man glauben. Man muss sich selbst ein klares Bild schaffen. Bei jedem läuft es anders. Am besten man wagt es einfach, nach umfangreicher Aufklärung. Aufklärung ist echt wichtig. Auf was lasse ich mich da ein? Wie sieht mein Leben nach der Operation aus? Will ich das wirklich? Ich habe einiges von anderen gehört. Da frag ich mich, ob die sich nicht gefragt haben oder wurden sie nicht aufgeklärt? ICH für mich, war mir noch nie so sicher wie dieses Mal. Voll und ganz. Nicht nur so halb. Total aufgeklärt. Alles hinterfragt. Das sollte man wie gesagt auch. Jetzt kann ich sagen, es hat sich gelohnt. Die Operation zaubert keinem, ein neues Leben. Viele sind in dem Glauben: „Achso, du wurdest operiert.“ Das war ein hartes Stück Arbeit. Radikale Disziplin und hartes Durchhaltevermögen. Gewohnheiten ändern. Jeder weis, wie schwer es ist, jahrelang eingeübte Rhythmen zu durchbrechen. Ich habe meine Ernährung komplett umgestellt und bewege mich mehr. Das ist natürlich nicht alles. Kein Erfolg, fällt vom Himmel. Das war für mich echt eine harte Zeit. Das klingt immer alles so einfach. Aber da springt dir das Leben mit nacktem Arsch ins Gesicht.

Wie habe ich es endlich geschafft, so viel abzunehmen? Nun, wie schon erwähnt, die Operation kann nicht zaubern. So viel vorne weg. Ich kann nur nicht mehr so viel essen. Alles andere, muss man sich selbst erarbeiten. Nicht jeder bekommt Dumpings. Jeder einzelne kann Unverträglichkeiten in jeder Form entwickeln. Dies das. Man muss sich neu entdecken. Bis zu dem jetzigen Zeitpunkt durfte ich sehr lange lernen, wie man abnehmen kann und habe aus allen Maßnahmen, das für mich wichtigste mitgenommen. Ich habe meine Ernährung komplett umgestellt. Habe mich viel informiert. Ich gehe sehr Achtsam mit Zucker um, habe Weizen bzw. schlechte Kohlenhydrate bestens reduziert oder sogar gestrichen, esse natürlichere Produkte ohne viel Chemie und Zusatzstoffe, esse sehr wenig Fleisch, keine Süßigkeiten und Alkohol und bewege mich mehr. Dazu gehört sehr viel Disziplin. In allen Lagen. Es reicht nicht, nur eine Operation zu machen, mit der Absicht, alles beim Alten zu lassen. No. Ich will es! Es ist für mich nicht gezwungen. Natürlich ist es eine wahnsinnige Möglichkeit, so eine Operation, die man aber auch nicht so einfach durch bekommt. Man geht nicht hin und lässt sich eben Mal so eine Operation verschreiben. Die Operation ist sehr teuer. Daher machen es einem die Krankenkassen nicht leicht. Man muss sehr vieles nachweisen und vorlegen. Zudem muss man es wirklich wollen. That’s It. In der Kürze, liegt die Würze. Man hat die Operation und wenn wirklich alles gut geht, ist man nach einer Woche wieder raus. Dann geht’s rund. Zack. Klingt so mega unspektakulär. Das ist es keineswegs. Ich empfand die Operation viel schlimmer, als erwartet. Zudem gab es bei mir Komplikationen. Bei mir. Da ich Schlafapnoe hatte und meine Sauerstoff Zufuhr aufgab, musste ich um meine Luft kämpfen. Die Todesangst wurde mir nur mit dem Wissen genommen, das ich in einem Operationssaal lag. Was gibt es sichereres? Nach der Operation geht es erst richtig los. So war es nun mal. Ich habe es überlebt. Wie sollte es auch anders sein?

Ich habe es selbst nicht für möglich gehalten. Ich will mich mit dem Erfolg nicht rühmen. Ich bin ICH geblieben. Nur Fitter und weiser eben. Trotzdem noch total bescheiden. Ich will damit zum Ausdruck bringen, was man erreichen kann, wenn man in der schlimmsten Phase auch nur einen kleinen Schritt nach vorne geht. Ganz kleine Schritte. Denn auch mit kleinen Schritten, kommt man zum Ziel. Das war eine so intensive Phase für mich, in der ich glaubte, das ich es niemals mehr schaffen kann. Weil ich selbst so viel von mir erwarte. Man kann. Trotz verkorkster Psyche. Man muss halt allem etwas mehr Zeit geben. Sensibler mit sich umgehen. Im Nachhinein kann man stolz auf sich sein. Stolz auf sich zu sein, das hat man eigentlich schon verlernt. Man lebt so unglaublich passiv dem Leben gegenüber und ist garnicht richtig bei sich. Die Depression hat es mir zusätzlich nicht leicht gemacht. Äußerst zäh.

Ich habe etwas mit der Situation, der Kleidung und deren Größen, zu kämpfen. Das kann man auch garnicht kennen, weil man so eine Situation noch nie hatte. Ich bin keineswegs verschwenderisch, was sich in meiner Situation nicht so ganz verhindern lässt. Sparsam kann man sein. Aber in regelmäßigen Abständen, muss ich mir neue Kleidung kaufen. Es ist ein rapider Gewichtsverlust. Die Arbeit wird belohnt. Dennoch schrumpft man schnell wieder aus der Kleidung heraus. So ist das nun Mal. Ich tue mich schwer damit. Welch Gefühlschaos. Life is a Rollercoaster. So abenteuerlich.

Jetzt, mit 30 Jahren, kann ich trotz allem Kopfklabaster sagen: Hallo Leben! Alles was war, alles schlechte, lehrte mich, vor allem, das ich nicht mehr so weiter leben möchte, wie bisher. Es war aus und vorbei. Es ging nicht mehr. Irgendwann ist die Not so groß im Leben, bei was auch immer, das es einfach nicht mehr weiter geht. Dann musst du kämpfen, mit dir selbst oder springen. Es lohnt sich zu kämpfen! 100 kg leichter und viel bewusster dessen, was das Leben für mich bedeutet. Ich bin froh, das bei mir keine Komplikationen eingetreten sind. Vielleicht auch, weil ich es wirklich wollte, weil ich es für mich angenommen habe. Dafür bekomme ich schnell ein Dumping, was mich noch bewusster essen lässt. Das positive in allem sehen. Das wichtigste: Achtsamkeit und Bewegung. Nicht stehen bleiben. Langsam gehen. Bewusst. Das ist es! 

Author: merten